Die transsibirische Eisenbahn

Während ich diese Zeilen hier schreibe, sitzen wir tatsächlich im Zug. In dem Zug, von dem wir irgendwo im Himalaya angefangen haben zu träumen. „Das wär doch was! Lass uns mit der transsibirischen Eisenbahn von Moskau bis nach Peking fahren!“ Schön, wenn man ein Jahr so vogelfrei ist wie wir und die Idee in die Tat umsetzen darf.

Wir sind also im Zug. Mit zwei Mal 30kg Gepäck primär nass geschwitzt, dennoch glücklich und aufgeregt. Im Internet haben wir vorher viel über die transsibirische Eisenbahn recherchiert, aber nur Widersprüchliches entdeckt. Ein Mysterium dieser Zug, mit dem viel Geld verdient wird. Nein, wir möchten nicht mit Reiseveranstalter und einer Touristenhorde im Sonderzug reisen, sondern individuell.

Die transsibirischen Eisenbahn bietet verschiedene Reiseklassen. Wir entscheiden uns für Klasse 2: eine 4-Bett Kabine mit WC auf dem Gang. Klasse 3, der Grossraumwagon ohne Abtrennung war uns doch eine Spur zu viel Gemeinschaft. Klasse 1, die 2-Bett Kabine zwar verlockend, aber dieses Jahr einfach zu teuer.

Unsere erste Kabine teilen wir mit Natalja und Andrey. Natalja, Mitte 50, Englisch-Lehrerin, unsere Rettung. Im Zug ist nämlich alles ausnahmslos in kyrillischen Buchstaben beschriftet, die Zugbegleiter sprechen nur Russisch und es gibt keine Ansagen. Natalja, verfügt immerhin über einigermaßen solide Englisch-Kenntnisse und dolmetscht fleißig. Zur großen Freude von Andrey, 28, der es total aufregend findet, dass zwei Deutsche in seiner Kabine sind. Natalja steigt leider nachts um 1:30 Uhr aus. Jetzt springt tatsächlich Andrey in die Bütt und kümmert sich wirklich rührend um uns. Dank Google Translator (ja – wir haben Internet in unserem Wagon) haben wir eine tolle Zeit. Andrey zeigt uns z.B. den Speisewagen. Beschließt dann aber, wir sollten mit ihm „Russian Style“ essen. Klar, das machen wir. Also auf zum Schaffner – in jedem Wagon wohnen auf der gesamten Reise genau 2, die sich im Dienst abwechseln – und Instant-Nudelsuppe kaufen. Diese einfach auffüllen mit heißem Wasser, auf dem Weg zum Abteil zurück nichts verschütten, und genießen.

Heißes Wasser gibt es kostenlos aus einem Boiler, der uns in die sowjetische Vergangenheit mitnimmt. Denken wir zu diesem Zeitpunkt noch … es soll noch abenteuerlicher kommen. Ebenfalls kostenlos gibt es Teegläser für jeden Fahrgast. Tee und Kaffee haben wir dabei. Das immerhin konnten wir als Tipp dem Wirrwarr an Informationen im Internet entnehmen.

Da Euch sicherlich die Toiletten im Zug interessieren, haben wir selbstverständlich ein Bild gemacht. Voila!

Unser erster Wagon verfügt übrigens nicht nur über Internet, sondern auch über eine Klimaanlage und ein Willkommens-Päckchen für jeden Gast mit Hausschuhen, Zahnbürste und Zahnpasta, einer Flasche Wasser und Einmalbesteck. Im Verlauf der Reise lernen wir, dass wir auch eine Mahlzeit erhalten. Andrey beschließt wir essen das gleiche wie er: Hühnchen mit Reis.

So verbringen wir unsere ersten 26h im Zug. Bevor wir aussteigen, lädt uns Andrey noch zu einer Stadtführung in seiner Heimatstadt Novosibirsk ein. Einem unserer nächsten Halte. Zu seiner Enttäuschung können wir leider nicht bei ihm übernachten, da wir schon eine Unterkunft in Bahnhofsnähe gebucht haben.

In Ekatarinburg verlassen wir den Zug. Bei der ersten Nase frischer Luft finden wir: eine sehr gute Idee. Der Weg zu unserem Hotel ist zwar kurz, aber die 30kg auf unseren Rücken werden im Bahnhofslabyrinth wieder verdammt schwer. Hinzu kommt, dass wir beide ein Karussell im Kopf haben. Vom ganzen Rumpeln und Rappeln der Zugfahrt ist uns jetzt, wieder mit festem Boden unter den Füßen, ziemlich schwindlig.

Unser Hotel katapultiert uns abermals zurück im die sowjetische Vergangenheit. Wir sind eben irgendwo im Ural und nicht mehr in Moskau. Zu allem Überfluss fallen die Temperaturen auf 10 Grad und es fängt kräftig an zu regnen. Willkommen in Ekatarinburg!

Wir machen es uns erstmal in einem Kaffee gemütlich und können der Stadt später am Tag, bei Sonne, doch noch ein paar schöne Seiten abgewinnen. Russisch-orthodoxe Kirchen darf ich als Frau übrigens nur mit Kopftuch betreten. Nach der Kopfläuse Aktion in Australien habe ich hier in Russland immer ein Tuch in der Handtasche, um nicht auf die Tücher am Kircheneingang zurückgreifen zu müssen.

Weiter geht es nach Osten. Wir steigen in den Zug von Ekatarinburg nach Novosibirsk. Wieder für gute 25 Stunden. Natürlich sind wir voller Vorfreude auf Hausschuhe, Zahnpasta und ein frisch bezogenes Bett. Kurz nachdem wir den Zug betreten haben, ist sie da, die Erklärung, warum wir so viel Widersprüchliches über die transsibirische Eisenbahn gelesen haben. 2. Klasse ist nicht gleich 2. Klasse. Wir befinden uns in einem Wagon, der geschmeidige 30 Jahre älter ist als sein Vorgänger. Kein Internet (nicht so schlimm), kein Care Paket (kein Problem, wir greifen auf unsere Flipflops und die eigene Zahnbürste zurück) und keine Klimaanlage (und das ist schlimm!!!). Der Wagon ist miserabel belüftet und stinkt zum Himmel nach WC. Innentemperatur 30 Grad. Ich schlafe wieder oben im 4er Abteil – also bei der richtig schön warmen und stinkigen Luft.

Zum Glück ist der menschliche Körper clever und nimmt irgendwann den auch noch so ekeligen Geruch als neutral wahr.

Unsere Kabinennachbarn dieses Mal: Ein kleines russisches Mädchen, Sascha 6 und total lieb und ihre Mama. Name unbekannt. Sprach kein Englisch und war an Konversation mit uns leider nicht interessiert. Ein bisschen wie in einer schlechten Komödie kommt auch noch irgendwann die Schaffnerin rein, wirft unsere Schuhe aus der Kabine und wischt einmal feucht durch. Na dann: Boden immerhin wieder halbwegs sauber.

Endlich: nächster Halt Novosibirsk.

Dort warten frische Luft und Andrey auf uns. Er ist ganz aus dem Häuschen, uns wieder zu sehen und zeigt uns wirklich alle Ecken seiner Stadt.

Wir laufen 18km, trinken Tee in seinem Lieblibgscafe, probieren Sovjet-Cola, fahren Scooter und essen zum Abschied noch gemeinsam mit seiner Freundin Russisch zu Abend.

What a day! Und schön, was sich aus einer Zugbekanntschaft entwickeln kann.

Weiter geht unsere Reise – immer tiefer in das Landesinnere. Um Mitternacht steigen wir in Novosibirsk in den Zug Richtung Irkutsk. Dieses Mal schlafen wir gleich 2 Nächte an Bord. Ich wünsche mir beim Universum einen sauberen und klimatisierten Wagon. Und – das Universum erhöht mich. Der Wagon steht unter dem strengen Regiment von Schaffnerin Natalie. Die hat uns alle und den Wagon im Griff und versprüht sogar in regelmäßigen Abständen Duftspray auf den Toiletten. Diesmal also – frischer Duft. Natalie kann zwar auch kein Englisch, hat aber gerade beschlossen, dass wir um 18:00 Uhr zu Abend essen. Das schreibt sie zu mindest entschlossen auf einen kleinen Zettel und hält ihn uns freudestrahlend unter die Nase. Was es gibt, haben wir noch nicht herausgefunden.

In unserer Kabine heute: Irina und Natalja. 2 Damen älteren Semesters. Die beiden schlafen natürlich unten. Zu Jans Leidwesen. Er ist einfach zu lang für die oberen Klappbetten. Irina und Natalja sprechen zwar kein Englisch, freuen sich aber, dass wir uns auf Russisch vorstellen konnten und versorgen uns mit russischer Schokolade. Leider ist die Klimaanlage vor ein paar Minuten ausgefallen und wir haben wieder 30 Grad im Abteil. So tun wir also was Gutes und essen die Schokolade, bevor sie schmilzt. In Irkutsk wartet u.a. der älteste und tiefste Süßwassersee der Erde auf uns: der Baikalsee.

Wie Sibirien wohl im Winter aussieht? Wir sehen atemberaubende Fotos vom komplett zugefrorenen See. Ein Grund irgendwann nochmal wiederzukommen. Das Wasser ist zumindest auch im Sommer eiskalt.

Schaut Euch doch mal auf Google Maps an, welche Distanzen wir zurück gelegt haben bis jetzt. Die Größe Russlands ist einfach unvorstellbar.

Eine Reise mit der transsibirischen Eisenbahn ist eine Wundertüte! Wir sind richtig gespannt, was sie noch für uns bereit hält.

Die kommende Zeit möchten wir erstmal schwindelfrei außerhalb eines Zuges genießen. Wir werden uns Zentralasien genauer anschauen. Morgen fliegen wir nach Usbekistan. Und wie immer findet Ihr viele weitere Impressionen in unserer Galerie… viel Spaß beim Stöbern.

Greta // im Zug von Nowosibirsk nach Irkutsk // 09. August 2019

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