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Mit Eskorte durch Turkmenistan

Ein persönliches Vorwort:


Für Bruno (1962-2024)


Während unserer Reise haben wir unzählige Bekanntschaften gemacht. Einige waren vergänglich, andere haben uns nachhaltig geprägt und tief berührt. So zum Beispiel unsere gemeinsame Zeit mit Rosi und Bruno in Armenien, Russland und der Mongolei. Trotz einer schweren Krankheit haben sich die beiden in ihrem VW Amarok auf den Weg von Deutschland bis nach Asien und wieder zurück gewagt. Wir sind dankbar, dass sich unsere Wege gekreuzt haben und wir Rosi und Bruno einen kleinen Teil auf ihrer unglaublichen Reise begleiten durften.


Vor einigen Tagen erreichte uns die traurige Nachricht, dass Bruno verstorben ist. Wir wissen, dass es ein großer Traum von ihm war, Turkmenistan zu bereisen. Dieser Traum wird unerfüllt bleiben.


Diesen Blog-Beitrag widmen wir daher Dir, lieber Bruno!


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Turkmenistan ist nach der Mongolei und Zentralasien wieder Neuland für uns. Es ist das Einzige der Stan-Länder, das wir noch nicht kennen. 2019 haben wir im Rahmen unseres Sabbaticals Zentralasien mit dem Rucksack erkundet. Wir haben Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan bereist. Nach Turkmenistan konnten wir damals leider nicht reisen. Seitdem steht das Stan-Land ganz weit oben auf unserer Reise-Wunschliste.

 



Turkmenistan ist schon längere Zeit nicht einfach zu bereisen. Seit der Corona-Pandemie und den damit verbundenen Einschränkungen ist eine Reise in das zentralasiatische Land noch einmal komplizierter geworden. Bis 2019 gab es beispielsweise ein 5 Tages Transit Visum für Touristen. Wurde das Visum erteilt, durften sich Touristen 5 Tage lang frei im Land bewegen. Heute, nach der Pandemie, sieht die Welt anders aus. Um Turkmenistan mit unserem eigenen Fahrzeug zu bereisen, benötigen wir eine Eskorte - in unserem Fall einen Fahrer und einen Guide - die uns 24/7 auf einer vorab festgelegten Route begleiten. Um sicherzustellen, dass wir von dieser auch nicht abweichen, soll ein GPS-Gerät bei uns an Bord verortet werden.

Ein Visum gibt es für uns erst an der turkmenischen Grenze. Vorab erhalten wir lediglich einen so genannten LOI (Letter of Invitation). Der klingt nicht nur wichtig, sondern beschert uns bereits vor der eigentlichen Einreise graue Haare. Mit einer lokalen Agentur müssen wir unsere geplante Route durch das Land abstimmen. Wir müssen festlegen, wo wir schlafen und was wir besichtigen möchten. Nach der Reisefreiheit der letzten Monate, zwingen uns diese Gedanken in ein enges Korsett. Jan schreibt über 50 E-Mails mit Gulya, einer ganz reizenden turkmenischen Managerin hin- und her. Als wir bei E-Mail 47 erfahren, dass unser Fahrzeug zwar nach Turkmenistan einreisen, aber eventuell nicht die Stadtgrenzen der Hauptstadt Ashgabat passieren darf, brauchen wir erst einmal einen Baldrian-Tee. Ernsthaft? Von anderen Reisenden und aktuellen Bildern in den sozialen Medien wissen wir: ausländische Overlander waren dieses Jahr in Ashgabat! Wir werden gebeten, Bilder unseres Fahrzeugs aus allen erdenklichen Blickrichtungen einzureichen. Gesagt getan. Dann bleibt uns nur noch eins: Abwarten und weiter (Baldrian-)Tee trinken.

 



Als wir von Usbekistan nach Turkmenistan einreisen, wissen wir immer noch nicht, ob wir mit unserem Fahrzeug die Stadtgrenzen der Hauptstadt passieren dürfen. Die Einreise ist mit einem Wort zu beschreiben: chaotisch. Wir müssen unter anderem einen PCR Test vor Ort machen und sämtliche – wirklich sämtliche Schalter und Beamte der Grenze besuchen. Und davon gibt es viele an der turkmenischen Grenze.

 So viele Schalter sind selbstverständlich ihren Preis wert. Unsere Einreise und der temporäre Import unseres Fahrzeugs kosten uns sage und schreibe 452 USD! Damit ist Turkmenistan bereits ab Minute 1 das mit Abstand teuerste Land unserer Reise. Natürlich haben wir auch in anderen Ländern Geld für Visa und den Import des Fahrzeugs ausgegeben. Allerdings in anderen Größenordnungen: 30 EUR für den einjährigen Import unseres Fahrzeugs nach Armenien oder 50 EUR für die Verlängerung unseres Visums in der Mongolei.

 

Gratis dazu gibt es an der turkmenischen Grenze allerdings ernstgemeinte (!) Fragen wie: „Ist Euer Fahrzeug kugelsicher? Es stammt doch vom Schweizer Militär?!“ oder „Ist das ein E-Fahrzeug?“. „Nein? Aber Ihr habt doch eine Steckdose da hinten am Heck?!“. Ja, richtig, haben wir. Mit dieser Steckdose verbinden wir allerdings bei Bedarf die Elektrik eines Anhängers mit unserem Fahrzeug. Da sind Fachmänner (und -frauen) am Werk.

 

Es ist also nicht nur kompliziert und teuer nach Turkmenistan einzureisen, sondern auch irgendwie skurril. Aber: wir beschließen, das Beste aus der Situation zu machen. Wir werden es ab jetzt einfach genießen in den Händen eines Guides und unserer Eskorte unterwegs zu sein. Beide sind ihr Geld wert und liefern erstklassigen Service!

 

Über 80% des Landes sind Wüste. Wie sollte es auch anders sein – unsere erste Nacht verbringen wir genau dort. In der Wüste am legendären „Gates of Hell“. Die Fahrt dorthin ist passenderweise tatsächlich „die Hölle“ für uns. Wir sind seit 5:30 Uhr auf den Beinen, haben zu viele Nerven an der Grenze gelassen, es ist heiß, die Straßen sind unterirdisch und wir fahren unserer Eskorte viel zu langsam.


Die Sonne ist schon lange unter gegangen, als wir den Punkt erreichen, den wir uns in Google Maps als „Gates of Hell“ markiert haben. Zu unserer Verwunderung ist an der gesetzten Markierung nichts, außer Wüste. Unsere Eskorte vor uns bremst, fährt rechts ran und unser Guide kommt zu uns ans Fahrzeug. Stolz verkündet er: „So - hier endet die asphaltierte Straße“. (Guter Witz! Wo genau war die? Wir haben irgendwie nur Schlaglöcher gesehen). „Jetzt fahren wir weiter durch die Sanddünen! Könnt Ihr im Sand fahren? So 15 km etwa!“


Für einen kurzen Moment kommen wir uns vor wie bei der versteckten Kamera. Mittlerweile ist es stockdunkel, wir haben Hunger, möchten einfach nur noch am "Tages"-ziel ankommen und sollen jetzt noch durch die Sanddünen?! Leider warten wir vergeblich auf den Moderator, der die Situation mit einem lauten Lachen auflöst. Also - Augen zu und durch, Allrad eingelegt und ab in die Sanddünen. Für Luftdruck ablassen ist keine Zeit mehr. Unser Puch schlägt sich trotz seines Gewichts und des zu hohen Reifendrucks wacker.

 

Unsere Eskorte setzt noch schnell einen Anruf nach Ashgabat, in die Zentrale ab, um unseren Standort zu teilen. Wir fahren natürlich in ein Gebiet ohne Netzabdeckung. Prüfen können wir das nicht, wir bekommen keine SIM Karte in Turkmenistan.

 

Jan fährt uns versiert durch die Sanddünen und dann ist es plötzlich da: das Tor zur Hölle. Ein brennender Krater - 1970 versehentlich durch einen Bohrunfall entstanden. Dann angezündet, mit der Idee, dass die Flammen nach wenigen Tagen erloschen sind. Die Feuer brennen noch heute. Kann ja mal passieren, dass man sich um mehr als 50 Jahre verschätzt.



Wir campen in einem Wüstencamp – stilecht auf dem Helikopter Landeplatz. Mitten in der Wüste in der Gesellschaft von neugierigen Kamelen. Was für ein erster Tag in Turkmenistan.


 

Für uns geht es am kommenden Tag weiter durch die Wüste in Richtung Ashgabat. Das Gates of Hell besuchen wir noch einmal bei Tageslicht. Zu unserer Verwunderung ist es auch bei diesen Lichtverhältnissen nicht weniger beeindruckend. Der Krater von Derweze war übrigens nicht der einzige Bohrunfall. Wir besuchen zwei weitere Krater in der näheren Umgebung. Seitdem ist es immerhin verboten, in dieser Region nach Gas zu bohren.







 Auf dem Weg in die Hauptstadt dürfen wir immer wieder ohne unsere eigentlich obligatorische Begleitung fahren. Wir sind so langsam, dass unsere Eskorte Zeit hat, gemütlich in einem Café (klingt besser als es aussah - wir haben gerne verzichtet) zu Mittag zu Essen und uns anschließend wieder einholt. Ohne Rücksicht auf Verluste brettert der turkmenische Fahrer über die Schlaglöcher. Wir fahren stellenweise nicht schneller als 15 km/h um unseren Puch nicht nachhaltig zu beschädigen.

 

Vor der Stadtgrenze von Ashgabat erhalten wir die Nachricht, dass unser Fahrzeug tatsächlich nicht weiterfahren darf. Diskussion zwecklos, Fragen nach Gründen ebenfalls. Wir packen also unsere 7 Sachen und steigen zur Eskorte ins Fahrzeug. Das ist im Gegensatz zu Unserem klimatisiert. Eine Wohltat bei den Außentemperaturen von weit über 30 Grad.

 Wir sind in Ashgabat - der Stadt der Superlative und vermutlich der skurrilste Ort, den wir jemals gesehen haben. Ausgelegt für 5 Millionen Menschen, bewohnt von nur etwa 1 Million. Sprich: die Stadt ist schlichtweg viel zu groß. Alles in der turkmenischen Hauptstadt besteht aus weißem Marmor (angeblich aus Carrara!) und Prunkbauten, die sich wie an einer Perlenkette aneinanderreihen. Das richtige Spektakel aber beginnt bei Nacht, wenn die weißen Bauten in Neonfarben angeleutet werden. Wir fühlen uns wie in Las Vegas. Unser Guide nennt die Stadt bei Nacht liebevoll Ash-Vegas.





Die kommenden Tage verbringen wir in Ashgabat und Umgebung gemeinsam mit unserer Eskorte. Wir lernen viel und lauschen den interessanten Erzählungen unseres Guides, die aber für uns nicht immer Sinn machen. Dafür ist alles bedeutungsschwanger. Ist der 24.10. beispielsweise ein besonderer Tag in Turkmenistan, gibt es selbstverständlich eine Statue die 24m hoch und 10m breit ist.














An unserem letzten Tag in Turkmenistan genießen wir einfach nur unser 5 Sterne Hotel. Normalerweise sind wir bescheidener unterwegs, Touristen dürfen hier aber nur auf diesem Level absteigen. Das Land möchte sich eben von der besten Seite präsentieren. Wir wohnen in einem Palast, in dem sich insbesondere Greta regelmäßig verirrt. Natürlich ist unser Hotel wie der Rest der Stadt total überdimensioniert. Wir sehen wenige Menschen im Hotel. Trotzdem sind nachts alle Fenster lichterloh beleuchtet. Da liegt die Vermutung nahe, dass ein wenig nachgeholfen wird, um ein zu 100% ausgebuchtes Hotel zu suggerieren.


 


In sehr positiver Erinnerung behalten wir die Tankstellen. 1 Liter Benzin kostet uns umgerechnet etwa 10 Cent.  

Unsere Eskorte begleitet uns bis auf den letzten Meter zur iranischen Grenze. Die Ausreise aus Turkmenistan steht der Einreise in das Land in nichts nach. Unorganisiert und chaotisch. Immerhin werden uns dieses Mal keine skurrilen Fragen zu gepanzerten Fahrzeugen oder Steckdosen gestellt.

 

Zeit Revue passieren zu lassen haben wir nicht wirklich. Wir fahren keine 20 Meter und stehen vor einem stählernen Tor, das die Aufschrift „Islamic Republic of Iran“ trägt. Das nächste große Ziel unserer Reise. Das Tor öffnet sich mit einem lauten Knacken. Wir haben Gänsehaut und fragen uns, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben und ob wir diese Grenze wirklich passieren wollen. Zu spät, Umdrehen ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich...


Greta // 19. November 2023 // Kerman, Iran

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